Im Austausch

Im Gespräch mit Thomas Stodulka

— über kollaborative Wissensformen und nachhaltige Zukünfte

Anita von Poser Edda Willamowski Janne von Seggern
16.01.2026
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(Abb. 1) Anticipating Anthropologies ©Luka Vonderau
Im Rahmen unserer Vortragsreihe "Anticipating Anthropologies" war Thomas Stodulka, Professor für Sozial- und Kulturanthropologie sowie Visuelle Anthropologie am Institut für Ethnologie und an der Professional School der Universität Münster, bei uns am Seminar für Ethnologie in Halle zu Gast. Über seinen Vortrag „Permaculture Pedagogies and Grassroots Futures in Timor-Leste“ am 18.11.2025, sprachen Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski mit ihm über die gesellschaftspolitische Bedeutung unseres Fachs.
Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

1. Wie bist Du zu Deinem jetzigen Forschungsthema gekommen und wie spricht dieses zum Ansatz der Public Anthropology?

Thomas Stodulka

Mein jetziges Forschungsthema ist aus einer langen ethnografischen Auseinandersetzung mit Fragen von Care, Commons und kollaborativen Wissensformen entstanden. Seit Anfang der 2000er Jahre habe ich mit marginalisierten Gruppen in Indonesien gearbeitet und dabei erfahren, dass Wissen, Sorge und Überleben selten getrennte Sphären sind.

Seit 2019 arbeite ich in Timor-Leste eng mit der Permakulturbewegung, insbesondere mit Permatil, zusammen. Diese Arbeit verstehe ich nicht als klassische „Feldforschung“, sondern als Ko-Produktion von Wissen: Forschung entsteht hier in Gärten, Schulen, Dorfgemeinschaften und Trainings, gemeinsam mit Praktiker:innen, Lehrer:innen, Aktivist:innen und Jugendlichen.

Gerade darin liegt die Nähe zur Public Anthropology: Meine Forschung zielt nicht primär auf akademische Selbstreferenzialität, sondern auf gesellschaftliche Interventionen. Sie fragt, wie anthropologisches Wissen zu ökologischer Gerechtigkeit, Ernährungssouveränität, Bildung und sozialer Resilienz beitragen kann – und wie Forschung selbst Teil dieser Prozesse wird.

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(Abb. 2) Community-Garten neben einer Schule in Manatuto ©Thomas Stodulka
Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

2. Könntest Du uns bitte noch etwas mehr über Timor-Leste erzählen (Lage, Geschichte, Lebensrealitäten, Bildungssystem)?

Thomas Stodulka

Timor-Leste liegt an der Schnittstelle zwischen Südostasien und Ozeanien, zwischen Indonesien, Papua und Australien, und ist einer der jüngsten Nationalstaaten der Welt. Nach jahrhundertelanger portugiesischer Kolonialherrschaft und einer gewaltsamen indonesischen Besatzung erlangte das Land 2002 seine Unabhängigkeit.

Die Lebensrealitäten sind stark von dieser Geschichte geprägt: Viele Familien haben Erfahrungen mit Gewalt, Verlust und struktureller Armut gemacht. Gleichzeitig gibt es eine bemerkenswerte soziale Solidarität, starke lokale Wissenssysteme und ein ausgeprägtes Verhältnis zur Umwelt.

Das Bildungssystem steht vor großen Herausforderungen: begrenzte Ressourcen, sprachliche Vielfalt (Tetum, Portugiesisch, lokale Sprachen) und ungleicher Zugang zwischen Stadt und Land. Genau hier setzt Permakulturpädagogik an, indem sie Lernen mit Alltagspraktiken, Ernährung, Umwelt und Gemeinschaft verbindet.

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(Abb. 3) Praxis-Pädagogik: Terrassen- und Community-Gartenbau ©Thomas Stodulka
Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

3. Warum muss die Ethnologie den Blick auf Permakulturpädagogik richten?

Thomas Stodulka

Permakulturpädagogiken sind ein exemplarischer Ort, an dem sich zentrale anthropologische Fragen bündeln: Wie wird Wissen weitergegeben? Wie werden Mensch-Umwelt-Beziehungen gestaltet? Welches Verständnis von Selbst, Person, und Gemeinschaft wird angestrebt? Wie entstehen kollektive Zukünfte unter Bedingungen globaler Ungleichheit?

Ethnologie kann hier zeigen, dass Bildung nicht nur ein formales, staatliches Projekt ist, sondern ein relationaler, verkörperter und situiert praktizierter Prozess. Permakulturpädagogik macht sichtbar, wie Lernen über und mit Boden, Wasser, Pflanzen und Fürsorge zugleich Lernen über soziale Verantwortung, Geschichte und Zukunft ist.

Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

4. Wie spricht das partikulare Beispiel der Permakulturpädagogik in Timor-Leste zum gegenwärtigen geopolitischen Moment?

Thomas Stodulka

Im gegenwärtigen geopolitischen Kontext, geprägt von Klimakrise, postkolonialen Ungleichheiten, multiplen Krisen und Kriegen, zeigt die Permakultur-Bewegung in Timor-Leste etwas Entscheidendes:  Globale Lösungen entstehen nicht notwendigerweise im Globalen Norden. Permakulturpädagogik in Timor-Leste ist kein Nischenprojekt, sondern eine Antwort auf globale Fragen nach Ernährungssouveränität, Resilienz und Bildungsgerechtigkeit. Sie widerspricht extraktivistischen Entwicklungsmodellen und zeigt, wie lokale Gemeinschaften globale Krisen mit lokal verankertem Wissen und im globalen Austausch adressieren. Gerade darin liegt ihre geopolitische Relevanz: Sie verschiebt die Blickrichtung – weg von „Entwicklungshilfe“ oder nationalstaatlichem Narzissmus hin zu reziproken Lernprozessen.

Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

5. Welche Relevanz hat Deine Forschung für andere Lokalitäten, bspw. Deutschland?

Thomas Stodulka

Auch in Deutschland stehen wir vor Fragen, die Permakulturpädagogiken aus Timor-Leste sehr klar adressieren: Wie verbinden wir zum Beispiel Bildung mit ökologischer Verantwortung? Wie stärken wir Gemeinschaften und ein Miteinander trotz Meinungsverschiedenheiten und politischer Differenzen angesichts von Vereinzelung und Krisen? Wie lernen wir wieder, trotz Flucht, Vertreibung und exzessiver Mobilität in langfristigen Beziehungen zu Orten zu denken? Unsere Forschung lädt dazu ein, Bildung nicht nur als Wissensvermittlung, sondern als Commoning-Praxis zu verstehen – als gemeinsames Sorgen für soziale und ökologische Lebensgrundlagen. Das ist in Deutschland ebenso relevant wie in Timor-Leste.

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(Abb. 4) Theorie-Seminar während eines PermaYouth-Camps in Manatuto ©Thomas Stodulka
Anita von Poser, Janne von Seggern und Edda Willamowski

6. Wenn Du Dich in eine Zeitkapsel setzen und in fünf Jahren wieder aussteigen könntest: Was würdest Du Dir wünschen, dass wir als Gesellschaft gelernt oder umgesetzt haben?

Thomas Stodulka

Ich würde mir wünschen, dass wir gelernt haben, die Zukunft nicht als technisches Problem, sondern als soziale, kulturelle und ökologische Beziehung zu begreifen. Konkret würde ich mir wünschen, dass Bildungsinstitutionen stärker mit lokalen Gemeinschaften und Umwelten verbunden sind, oder dass Sorge, Pflege und ökologische Arbeit gesellschaftlich aufgewertet werden. Ich wünsche mir, dass wir verstanden haben, was Bewegungen wie Permatil seit Jahren vorleben: dass lebbare Zukünfte letztlich im Gemeinsamen entstehen und dass wir, indem wir Differenzen und Meinungsverschiedenheiten – auch politische – anerkennen, aushalten und überbrücken und uns auf emanzipierte, zugleich empathische und offene Debatten einlassen, als Gesellschaften wie als Einzelne dem Gemeinwohl und dem (mehr-als-menschlichen) Wohlbefinden näherkommen. Selbst wenn die Zeitkapsel mich erst in 50 Jahren wieder ausspucken würde, wäre ich nicht enttäuscht von der Langfristigkeit dieser Veränderungen. Mit der Zeit und dem Älterwerden wird man ja auch gerade als Ethnologe etwas geduldiger.