Im Austausch

Im Gespräch mit Alexandra Bauer

— über multi-rassifizierte Affekte und Engaged Anthropology

Dạ My Ðào  Mira Schmitz
16.10.2025
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(Abb. 1) Die Gefühle des Titels werden sinnbildlich anhand der rötlichen Schameswolke, der Zornesblitze und des Tränenregens dargestellt. Die Vögel, von denen die Gefühle ausgehen und die zusammen im Kreis fliegen, stehen für die Gemeinschaft, die entsteht, wenn Betroffene zusammenkommen und einen Raum haben (der als offener Würfel dargestellt ist), in dem sie diese Gefühle auch rauslassen können. Durch das Zulassen und Austauschen wiederum der negativen Affekte, entstehen dann auf heilsame Weise Bäume, Flüsse etc. die im Miteinander gedeihen und denen Regen, Blitz und Wärme guttut. Außerhalb des Würfels ist trockene, brüchige Erde zu sehen, die für die Rassismuserfahrungen steht und die Risse, die diese hinterlassen und die Unmöglichkeit, über diese negativen Affekte zu sprechen, aufgrund des affektiven Gaslightings.  ©Mira Schmitz
Während eines Seminars zur Psychologischen Anthropologie von Prof. Dr. Anita von Poser hatten wir die Gelegenheit mit Alexandra Bauer ins Gespräch zu kommen. Sie war eingeladen, um aus ihrer spannenden Forschung zu berichten. Alexandra Bauer ist Sozial- und Kulturanthropologin und wurde an der Freien Universität Berlin promoviert.

Alexandra Bauer forschte zu den Affekten in Rassismuserfahrungen von Frauen der koreanischen Nachfolgegenerationen in Deutschland. Mittels einer affekttheoretischen und rassismuskritischen Perspektive ging sie dem Phänomen von Multi-Rassifizierungs-Prozessen am Beispiel der Lebensverläufe von Frauen mit einem koreanischen und einem nicht-koreanischen Elternteil in Deutschland nach, zu denen sie selbst gehört. Sie zeigte daran auf, welche zentrale Rolle Prozesse des Affizierens und Affiziert-Werdens in der Re-Produktion von „Rasse“ spielen, die auf fast unmerkliche Weisen Alltagswelten im gegenwärtigen Deutschland sozial und emotional strukturieren.

Mira Schmitz + Dạ My Ðào

Liebe Alex, wie schön, dass wir nochmal zusammenkommen. Du hast dich in deiner Forschung mit den Affekten in Multi-Rassifizierungs-Prozessen auseinandergesetzt. Magst du zum Einstieg nochmal zusammenfassen, worum es sich dabei handelt? 

Alexandra Bauer

Ich freue mich auch sehr über unser Wiedersehen, danke, dass ihr mich kontaktiert habt! Ja, Multi-Rassifizierung ist wirklich kein alltagstaugliches Wort. Aber als Analysebegriff beschreibt er exakt die Rassifizierungsprozesse, denen meine Gesprächspartnerinnen mit einem koreanischen und einem nicht-koreanischen Elternteil über ihre gesamten Lebensverläufe begegneten. Er benennt nämlich den Rassifizierungsprozess bei Menschen mit unterschiedlich rassifizierten Eltern, wodurch auch sie, je nach Kontext, unterschiedlich rassifiziert werden.
So wurden die Frauen aus meiner Untersuchung noch vor der Geburt bis ins Erwachsenenalter als multi-rassifiziert ‚illegitim‘, ‚defizitär‘ oder ‚faszinierend‘ herausgestellt. Das erfolgte meist über die Körper und Sprachen der Frauen. Infolgedessen entstanden bei den meisten Frauen oft negative multi-rassifizierte Affekte, die dann aber dominanzgesellschaftlich wiederum als ‚illegitim‘ oder ‚unangemessen‘ re-produziert wurden; in dem Sinne, dass zum Beispiel vermeintlich subtiler Alltagsrassismus nicht als solcher zu bezeichnen oder nicht als gewaltvoll zu empfinden sei.

Das bedeutete für viele Frauen mit zunehmendem Alter selbst an der Berechtigung ihrer negativen Affektivität zu zweifeln. So war ein starkes Ringen mit diesen multi-rassifizierten Affekten zwischen zum Beispiel Scham und Wut zu beobachten, aus dem es kein Herauskommen gab. Sie stagnierten oft in dem Hin- und Herringen, was ich nur zu gut von mir selbst kenne. Und genau diese Stagnation ist aber ein wichtiger Faktor für weißen Vorherrschaftserhalt, worüber Rassismus als Norm in Deutschland unbestritten bestehen bleiben kann. Andererseits wurde im Ringen immer wieder ein kleiner Bewegungsradius erkennbar, der es den Frauen erlaubte, sich je nach Kontext aus der Stagnation zu lösen und damit Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen, was jedoch nicht ohne immense affektive Anstrengungen einherging.

Mira Schmitz + Dạ My Ðào

Das zeigt sehr eindrücklich, dass es sich um ein vulnerables Feld handelt. Wie hast du es geschafft, dich deinen Gesprächspartnerinnen behutsam zu nähern und welche Methoden hast du angewendet, um achtsam einen Raum für diese negativen Affekte zu schaffen? 

Alexandra Bauer

Tatsächlich begegnete ich mit der Forschung mehreren bzw. ungeplanten Herausforderungen, die die Vulnerabilität noch besonders hervorheben. Wie so viele andere auch hatte ich meine Forschung zu Anfang 2020 geplant und wollte so richtig loslegen, da setzte die COVID-19-Pandemie ein, was dann bedeutete, die Forschung fast komplett in den digitalen Raum zu verlegen. Gleichzeitig fiel die Forschung natürlich in eine Zeit des erhöhten Rassismus gegen süd-/ostasiatisch rassifizierte Menschen, und da ich ja als selbst betroffene Forscherin das Projekt anging, stellte das methodische Vorgehen also in mehrfacher Hinsicht eine ziemliche Herausforderung dar.

An dieser Stelle würde ich daher gerne eine besondere Methode der qualitativen Forschung und für die psychologische Anthropologie nennen, nämlich die „story completion method“ von Gravett 1 . Diese Methode betrachtet Geschichten als Daten und untersucht, welchen Sinn die Befragten aus den Geschichten ziehen. Ganz konkret: Ich bereitete ein Dokument vor, das hypothetische Szenarien aus dem Alltag enthielt, jeweils mit Protagonistinnen, die multi-rassifizierte Mädchen oder Frauen der koreanischen Folgegenerationen darstellen. Darin wurden Multi-Rassifizierungs-Prozesse in der Schule, auf der Arbeit oder bei der Wohnungssuche thematisiert. Das Wichtigste daran war: Die Frauen bestimmten selbst, welche Szenen sie wie weiter ausführen wollten, und ob sie mir im Anschluss ihre Geschichten zeigen und darüber sprechen wollten. Und tatsächlich kam diese Methode total gut an! Das distanziertere Verhältnis, das durch eine Geschichte entstand, aber auch das Sprechen darüber im digitalen Raum, wo nur die jeweilige Gesprächspartnerin und ich anwesend waren, eröffnete plötzlich einen starken Zugang zum Reflektieren bzw. verhalf es dazu über affektive Phänomene zu sprechen, die bis dahin im Zustand eines ‚Bauchgefühls‘ existierten.

Darüber eine Pause zu erhalten, um den eigenen Affizierungen durch Rassismus nachgehen zu können und diese endlich mal ernstnehmen zu dürfen oder auch zu realisieren, dass es sich bei den Erfahrungen nicht um Einzelfälle oder ‚Pech‘ handelte, konnte für einige Frauen eine bewegende oder sogar „heilsame“ Erfahrung darstellen, mich absolut eingeschlossen. Denn die Geschichten eröffneten Zeit und Raum, die im Alltag einfach kaum bis gar nicht da sind, um über die Scham, Angst, Trauer und Wut in den Rassismuserfahrungen nachzudenken oder um überhaupt eine Sprache dafür zu finden. So nutzten manche Frauen die Geschichten dazu, nicht nur ihre eigenen Zeugnisse über ihre Erfahrungen abzulegen, sondern auch die Geschichten mit ihrer Fantasie enden zu lassen oder sich unangetasteten und tabuisierten Gefühlen wie Zorn oder Rache anzunähern.

Ich kann diese Methode wirklich nur anpreisen, denn sie eröffnete auf ganz sensible Weise einen kreativen Raum, der auch das Machtverhältnis zwischen den Gesprächspartnerinnen und der Forscherin teils aufweichte. Da es mir auch nicht so oft wie vorher geplant möglich war, die Frauen in ihrem Alltag zu begleiten, war die Methode zudem geeignet, um den Multi-Rassifizierungs-Prozessen im Alltag dennoch nachgehen zu können und diesen zusammen in einem ‚geschützteren‘ Rahmen zu folgen.

  1. Gravett, Karen. 2019. „Story Completion: Storying as a Method of Meaning-Making and Discursive Discovery.“ International Journal of Qualitative Methods 18https://doi.org/10.1177/1609406919893155.
Mira Schmitz + Dạ My Ðào

Deine Forschung eröffnete nicht nur Räume für den Austausch von Rassismuserfahrungen, sondern auch für das Freilassen tabuisierter und negativer Gefühle und Affekte. Warum ist die Anerkennung der negativen Affektivität wichtig und welche Bedeutung haben diese Räume für deine Gesprächspartnerinnen?

Alexandra Bauer

Ja, genau, die Anerkennung oder Normalisierung negativer Affektivität ist total wichtig. Ich folge da der Soziologin Çiğdem Inan 2 , inwieweit ein großes emanzipatorisches Potential darin liegt, rassistische Machtstrukturen zu de-stabilisieren. Denn genauso wie Affekte Machtverhältnisse stärken, können sie sie auch entkräften. Das heißt, laut Inan geht es nicht darum, negative Affektivität zu überwinden, sondern sie zu politisieren.

Die Produktivität beispielsweise hinter Traurigkeit und Trauer, das fühlen zu dürfen, ermöglicht unter anderem die Bildung von Gemeinschaften, wie es von vielen Frauen als Wunsch in die Forschung auch eingebracht worden war. Ich muss das an dieser Stelle nochmal betonen: Der am meisten ausgedrückte Wunsch in der Forschung war nämlich, die anderen Gesprächspartnerinnen kennenlernen zu wollen. So hat sich nach der Forschung eine Gruppe von Frauen zusammengefunden, die sich in regelmäßigen Abständen trifft. Bei den Treffen geht es auch nicht die ganze Zeit genau um diese negativen Affekte, aber sie haben immer Platz und Raum. Eine Gesprächspartnerin sagte dazu: „Das mal zuzulassen, dass man das alles fühlen darf [...]“, was schließlich der Titel meiner Dissertation wurde.

Das Zitat fasst präzise die Möglichkeit dieser empowernden Räume zusammen, wo das Fühlen erlaubt ist. Das offene Zeigen der Verletzungen, die Wut darüber, das Betrauern, überhaupt das Erkennen dieser Verletzungen als Verletzungen, die gerade auch in engsten Beziehungen wie in der Familie oder Partner*innenschaft eintreten, ohne Angst haben zu müssen, dafür wieder beschämt zu werden, wurde von einigen Frauen als „heilsam“ beschrieben.

Die Möglichkeit für die Entwicklung eines politischen Potentials multi-rassifizierter Affekte liegt also genau darin, wenn diese gefühlt werden dürfen, statt im Ringen miteinander zu verharren. Die Begegnung mit Menschen, die ähnlich betroffen sind, ist daher von entscheidender Bedeutung, gerade auf affektiver Ebene. Denn genau das wiederholten auch viele Gesprächspartnerinnen: Dass zwar durch die weiter vorangeschrittene Anerkennung institutioneller Diskriminierung oder durch die Verbreitung rassismuskritischen Wissens und Vokabulars auf epistemischer Ebene die Sicherheit bestand, Rassismuserfahrungen als solche einzuordnen, jedoch die affektive Ebene davon meist ausgenommen war, weshalb dieses Ringen zwischen Wut und Scham erst ausgelöst wurde und darin verharrte. Das hat natürlich nicht nur schädigende Folgen für die Psyche der Betroffenen, sondern bedeutet vor allem auch die Verstrickung der so Getroffenen in die Aufrechterhaltung bestehender Machtstrukturen.

Also, ja, diese Räume sind von wirklich großer Bedeutung, und ich bin so gespannt, wie sie sich weiter entwickeln werden. Aber, das muss ich zum Schluss betonen, am Ende des Tages sind diese Räume eben auch ‚nur‘ Räume für ein wenig Auszeit, so wie eine Gesprächspartnerin treffend formuliert hatte. Ohne wesentliche strukturelle Veränderungen sind keine Veränderungen für eine diskriminierungsärmere Gesellschaft zu erreichen, die schließlich diese Verletzungen und Gewalt erst verursachen. 

  1. Inan, Çiğdem. 2023. „Affekttheoretische Perspektiven auf Rassismus.“ In Rassismusforschung I: Theoretische und interdisziplinäre Perspektiven, hrsg. v. Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor, 191–229. Bielefeld: transcript.
Mira Schmitz + Dạ My Ðào

Du hast bereits angedeutet, dass Affekte, die durch Multi-Rassifizierungs-Prozesse hervorgerufen werden, bei vielen deiner Gesprächspartnerinnen oft unverarbeitet bleiben und zunächst nicht eingeordnet werden können. Welchen Beitrag kann eine engagierte psychologische Anthropologie in rassismuskritischer Arbeit leisten und welche besondere Stärke hat dabei der Fokus auf Affekte? Was können ethnologische, affekttheoretische Annäherungen aufdecken?

Alexandra Bauer

Vielen Dank für diese wichtigen Fragen! Ich möchte unbedingt für eine rassismuskritische und engagierte psychologische Anthropologie plädieren, da die zentrale Rolle von Affekten in Rassifizierungsprozessen wissenschaftlich bislang kaum berücksichtigt wurde. Dabei sind Affekte zentral für rassifizierte Zugehörigkeitsordnungen, für imaginierte Gemeinschaften in der Nationalstaatenbildung. Unbewusste Affekte müssen unbedingt berücksichtigt werden, um weitere Erkenntnisse über verinnerlichte Dominanz- und Unterdrückungsverhältnisse zu erlangen, also, um ein noch vertiefteres Verständnis dafür zu entwickeln, wie Unterdrückung funktioniert. 

Konkret kann das zum Beispiel eine weitere Zusammenführung von Affekt- und kritischer weiß-Seins-Forschung in Deutschland bedeuten, wie die Untersuchung weißer Gefühle als ‚legitim‘ und ‚normal‘. Es bedarf hier weiterer langzeitlich angelegter ethnografischer Arbeiten, um darüber die mit Rassismus zusammenhängenden, aber unausgesprochenen Gefühle lesbar zu machen, das heißt, dazu einen affektiven und diskursiven Zugang zu schaffen. Und das heißt dann auch, die doppelte Wirksamkeit von Affekten weiter herauszuarbeiten, die in der gleichzeitigen Re-Produktion und Erschütterung von Machtverhältnissen liegt. Meine Gesprächspartnerinnen eröffneten hier die Fragen danach, was ihre Handlungsspielräume als multi-rassifizierte Frauen sind und wie sie dem gegenwärtigen Wiedererstarken von Rassismus oder biologistischen „Rasse“-Definitionen entgegengetreten können.

So plädiere ich auch dringend dafür, die weitere Untersuchung der Historie und die Aufarbeitung der so machtvollen Strukturkategorie „Rasse“ nicht allein durch die psychologische Anthropologie, sondern auch durch Philosophie, Politik- und Sozialwissenschaften oder Rechtswissenschaften vorzunehmen und das Feld nicht der naturwissenschaftlichen oder bio-medizinischen Forschung zu überlassen.