Im Dissertationsprojekt Welche Verkehrswende? Selektive Ermöglichung zwischen Förderlogiken, Zuständigkeiten und Standortpolitik untersucht Julia Kühl, wie Verkehrswende auf kommunaler Ebene im Saalekreis gedacht, begründet und praktisch organisiert wird. Im Fokus stehen Verwaltungsroutinen, politische Entscheidungsprozesse und zivilgesellschaftliches Handeln und die Frage, wie Zukunft, Wirtschaftlichkeit und Verantwortbarkeit im Sinne von Finanzierbarkeit und administrativer Durchsetzbarkeit im Alltag kommunaler Steuerung hergestellt werden.
Statt Verkehrspolitik als Umsetzung klar definierter Ziele zu betrachten, nähert sich das Projekt diesen Prozessen ethnographisch: als sozio-kulturelle und politische Praxis, in der bestimmte Deutungen von Finanzierbarkeit, Sachzwang und Handlungsfähigkeit stabilisiert werden. Zukunft erscheint hier nicht als offener Möglichkeitsraum, sondern als administrativ gerahmtes Projekt, dessen Legitimität sich an Kriterien ökonomischer Tragfähigkeit und institutioneller Zuständigkeit orientiert und das Alternativen selektiv sichtbar oder unsichtbar macht.
Vor dem Hintergrund einer gegenwärtigen Diskussion um verschiedene Auslegungsmöglichkeiten einer public anthropology begreift sich das Projekt nicht als unmittelbare Intervention, sondern als kritische Analyse der politischen, administrativen und ökonomischen Rahmungen, durch die bestimmte Formen von Zukunft als verantwortbar, andere jedoch als unrealistisch oder nicht finanzierbar markiert werden. Public Anthropology bedeutet hier, öffentliche Selbstverständlichkeiten ethnographisch analysierbar zu machen und damit Voraussetzungen für Reflexion, Kritik und mögliche zukünftige Praxis zu schaffen. Dieses Verständnis fußt darauf, dass Praxis (im Sinne von Intervention) nicht individualisiert, sondern als kollektiver Prozess begriffen wird (vgl. Nonini 2016). Die Rolle ethnographischer Forschung liegt somit darin, analytische Perspektiven bereitzustellen, die an bestehende (emanzipatorische) politische Projekte rückgebunden und von diesen aufgegriffen werden können.
Nonini D (2016) Praxis. Dialectical Anthropology 40(3): 241–249.