Im Austausch

Im Gespräch mit Judith Bovensiepen

— über die Rolle anthropologischer Forschung in unsicheren Zeiten

Philipp Baum
08.01.2026
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(Abb. 1) Philipp Baum im Gespräch mit Judith Bovensiepen ©Thomas Götzelmann
Im Rahmen unserer Vortragsreihe "Anticipating Anthropologies" war Judith Bovensiepen bei uns am Seminar für Ethnologie in Halle zu Gast. Anlässlich des Vortrags „The Erasure of Uncertainty in the Making of Timor-Leste’s Resource Frontier“ am 16.12, sprach Philipp Baum mit ihr über die gesellschaftspolitische Bedeutung unseres Fachs. Judith Bovensiepen ist Leiterin des Instituts für Sozialanthropologie (ISA) in Wien.
Philipp Baum

Frau Bovensiepen, warum sind sie Anthropologin? Welche Rolle sollte sozialanthropologische Forschung Ihrer Ansicht nach in öffentlichen Debatten spielen?

Judith Bovensiepen

Ich beginne mit einem Lieblingszitat von mir:

„Die Anthropologie öffnet Fenster zu anderen möglichen Formen menschlicher sozialer Existenz, denn sie erinnert uns ständig daran, dass vieles, was wir für unveränderlich halten, zu anderen Zeiten und an anderen Orten ganz anders gestaltet war und dass die Möglichkeiten des Menschen daher in fast jeder Hinsicht größer sind, als wir uns normalerweise vorstellen. Die Anthropologie eröffnet uns auch neue Perspektiven auf vertraute Probleme.“ 1

David Graeber bringt sehr treffend auf den Punkt, was für mich den Kern anthropologischer Forschung ausmacht. Graeber beschreibt sehr genau, was mich zur Anthropologie hingezogen hat. Ich glaube, viele teilen diese Motivation, und sie könnte eine tragende Rolle in der public anthropology spielen. Wir müssen zwar vorsichtig sein, unsere eigenen Fantasien nicht auf andere zu projizieren, wenn wir nach Alternativen suchen. Aber die Möglichkeit, alternative Zukünfte zu denken, ist eine wertvolle Vision für eine Anthropologie für die Öffentlichkeit.

  1. Graeber, David (2007) Possibilities: Essays on Hierarchy, Power and Desire, Seite 1. ↩
Philipp Baum

Wie sieht das praktisch aus, wie können wir diese Vision verwirklichen?

Judith Bovensiepen

Für mich bleibt die zentrale Stärke unserer Disziplin die Methode der langfristigen ethnografischen Feldforschung. Forschung, die auf empathische Nähe, auf persönliche Begegnungen und auf kontinuierlichen Austausch setzt, ermöglicht ein tiefgehendes Verständnis sozialer Zusammenhänge. Gerade diese Form des forschenden Zuhörens und des Arbeitens im direkten Kontakt ist aus meiner Sicht ein entscheidender Ausgangspunkt dafür, anthropologisches Wissen auch jenseits der Universität zugänglich und relevant zu machen. Meine Vision für public anthropology ist eine, die den erzählerischen Aspekt, die direkten Begegnungen und die Widersprüche im Kern menschlicher Sozialität aufgreift. Public anthropology sollte, gesellschaftlich relevante Forschung betreiben, die empathisch versucht, das Anderssein anderer Menschen zu verstehen – und gleichzeitig größere gesellschaftliche Zusammenhänge, wie politische, ökonomische und geschlechterspezifische Ungleichheiten, sichtbar machen.

Public anthropology kann Raum für aktivistische Forschung bieten – also Projekte, die gemeinsam mit Aktivist:innen oder marginalisierten Gruppen arbeiten, um Ausbeutung, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit zu dokumentieren und kritisch zu hinterleuchten. Gleichzeitig denke ich, dass nicht jede public anthropology aktivistisch sein muss. Es braucht auch Platz für Forschung mit Menschen, die keine marginalisierten Gruppen sind oder nicht zu den „likeable others“ gehören, wie Olaf Zenker es formuliert hat.

Philipp Baum

Sie haben in ihrem Vortrag den Begriff der Unsichherheit (Uncertainty) in den Mittelpunkt gestellt. Warum ist ihnen der Begriff so wichtig?

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(Abb. 2) Judith Bovensiepen während des Vortrags am 16.12.2025 ©Philipp Baum
Judith Bovensiepen

Temporäre Objektivierung – also das vorübergehende Übersetzen komplexer sozialer Realitäten in Begriffe, Kategorien oder Modelle – gehört zu jeder anthropologischen Analyse. Sie ist ein grundlegender Bestandteil jeder Sozialtheorie. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Anthropolog:innen dabei allzu häufig die Unsicherheiten, Ambivalenzen und inneren Widersprüche des Lebens aus dem Blick verlieren, um möglichst schlüssige und überzeugende Analysen zu formulieren. Nicht selten zeigt sich eine Tendenz, Aussagen und Ideen von Gesprächspartner:innen gezielt nach den radikalsten oder provokativsten Formulierungen zu durchsuchen, um daraus neue, oft auch modische theoretische Positionen zu entwickeln.

Meiner Ansicht nach liegt einer der größten Fallstricke der Sozialanthropologie darin, dass mehrdeutigen und häufig auch humorvollen Äußerungen zu wenig Beachtung geschenkt werden. Ich denke es ist wichtig Zweifel und Unsicherheiten ernst zu nehmen und auf die widersprüchlichen Realitäten des Alltags aufmerksam machen. Eine zentrale Herausforderung der Disziplin besteht darin, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Aufdeckung realer Lebenswidersprüche und dem Versuch, größere Zusammenhänge zu verstehen und zu beschreiben.

Für mich ist der Umgang mit Unsicherheiten/ uncertainties also in erster Linie eine methodologische Herausforderung – es geht darum, Unsicherheiten und Ungewissheiten an sich herankommen zu lassen. Es gibt viele spannende Ansätze zum Thema Unsicherheit/ uncertainty: von der phänomenologischen Idee, dass radikale Unsicherheit einen Hintergrund bildet, vor dem soziale Realität konstruiert wird, bis hin zu soziologischen Vorschlägen, dass Unsicherheit ein zentraler Motor menschlicher Sozialität ist. Persönlich gefällt mir der pragmatische Ansatz, der kürzlich von François Berthomé, Julien Bonhomme und Grégory Delaplace entwickelt wurde. 2 Sie argumentieren, dass man Unsicherheit/uncertainty nicht nur als Hintergrund sozialer Realität oder als Störung der sozialen Ordnung sehen sollte, sondern untersuchen sollte, wie Unsicherheit/ uncertainty in Interaktionen entsteht und wie sie Menschen erlaubt, soziale Beziehungen auszuhandeln. Zum Beispiel spielt Unsicherheit eine zentrale Rolle in ‚joking relations‘, in rituellen Interaktionen, aber auch – wie diese Autoren zeigen – in Gerüchten oder in Liebesbeziehungen.

  1. Berthomé, F., Bonhomme, J. and Delaplace, G., 2012. Preface: cultivating uncertainty. HAU: Journal of Ethnographic Theory, 2(2), pp.129-137. ↩
Philipp Baum

Können sie das an einem Beispiel erklären?

Judith Bovensiepen

In meiner eigenen Forschung zeige ich, wie Rohstoffabbau in Timor-Leste zu einer Art Verschiebung von Unsicherheit führen kann und dabei neue Sphären von Gewissheit hervorbringt. Beziehungen zu Geistern und Ahnen, die sonst von Ambivalenz und Ungewissheit geprägt sind, müssen plötzlich als eindeutig und stabil dargestellt werden. Nur so wird es möglich, den extraktiven Industrien mit Klarheit zu begegnen und die eigenen Praktiken gegenüber dem Staat „lesbar“ zu machen. Gleichzeitig wächst jedoch die existentielle Unsicherheit in Bezug auf Lebensgrundlagen und Zukunftsperspektiven. Viele Menschen geraten zunehmend in ökonomisch prekäre Situationen und sehen sich mit einer immer größeren Ungewissheit und Unsicherheit über ihr weiteres Leben konfrontiert.

Unsicherheit/uncertainty kann auch eine Grundlage von Widerstand und Resilienz sein. Wer mit Unsicherheit umgehen kann und Widersprüche sowie Mehrdeutigkeiten aushalten kann, ist oft besser in der Lage, schwierige Zeiten zu durchstehen. Gleichzeitig versuchen Staaten und andere soziale oder politische Institutionen, oft Unsicherheiten zu beseitigen oder zu instrumentalisieren, d.h. Deutungen zu stabilisieren, den Status quo als „gesunden Menschenverstand” darzustellen und Situationen als alternativlos erscheinen zu lassen. Unsicherheit/uncertainty kann jedoch solche dominanten Darstellungen untergraben; sie kann ein entscheidender erster Schritt für die Formulierung von Kritik und letztlich auch für Widerstand sein (ein zentraler Gedanke in Luc Boltanskis On Critique). 3 Genau aus diesem Grund halte ich es für wichtig, nicht nur darauf zu achten, wo wir Unsicherheiten „vor Ort“ finden, sondern sie auch in unsere eigene Praxis und Analyse einzubeziehen.

  1. Boltanski, L., 2011. On critique: A sociology of emancipation. Polity. ↩
Philipp Baum

Welche strategischen Schwerpunkte möchten Sie in der zukünftigen Entwicklung des Instituts für Sozialanthropologie (ISA) setzen?

Judith Bovensiepen

Zu unseren Stärken gehört unsere ausgeprägte regionale Expertise in verschiedenen Teilen Asiens sowie eine starke Tradition, ethnografische und historische Forschung miteinander zu verbinden. Auf Grundlage dieser Expertise haben wir gemeinschaftlich einige inhaltliche Schwerpunkte entwickelt, die wir in Zukunft besonders weiter ausbauen möchten.

Dazu zählen zum Beispiel die Schnittstellen zwischen Umwelt und Gesundheit, multidisziplinäre Perspektiven auf die materielle Welt, sowie die Untersuchung der digitalen Transformation der Gesellschaft. Aber auch Forschungen zu Kolonialismus, Postkolonialismus, Totalitarismus sowie zur Wissenschaftsgeschichte gehören dazu. Jedes Jahr wollen wir uns einem bestimmten Konzept widmen – 2026 werden wir uns zum Beispiel dem Konzept der „destruction“ zuwenden, im Jahr darauf, 2027, dem Thema „waste“, und im Jahr darauf (2028) „making“. Wir wollen diese Konzepte sowohl ethnografisch erforschen als auch die theoretischen Grenzen ausloten, die uns eine vergleichende ethnografische Analyse eröffnet.

Ich hoffe, dass das ISA als führendes internationales Institut etabliert werden kann – eine Art Drehscheibe für Nachwuchsforschende in Europa, wo Wissenschaftler:innen die Möglichkeit haben, über längere Zeiträume innovative Forschungsprojekte zu entwickeln, ohne den hohen Druck umfangreicher Lehr- und Verwaltungsaufgaben.

Das Institut ist bereits international aufgestellt, und ich möchte diese Verbindungen weiter ausbauen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Sozialanthropologie in Deutschland und der Schweiz, aber auch Kontakte quer durch Europa sowie zu unseren Forschungsregionen in Asien. Mit Letzteren (zum Beispiel mit der State Islamic University Syarif Hidayatullah, Yogyakarta, Indonesien) führen wir bereits spannende Austauschprogramme durch. Ziel ist es, ein innovatives und unterstützendes Forschungsumfeld zu schaffen, das Nachwuchswissenschaftler:innen ermutigt, ihre Projekte zu uns zu bringen und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln.

Philipp Baum

Wo sehen sie die größten Herausforderungen auf sich zukommen?

Judith Bovensiepen

Eine der größten Herausforderungen wird sein, die Relevanz der Sozialanthropologie an Forscher:innen aus anderen Disziplinen zu vermitteln – und insbesondere die Sicherung der wichtigsten Grundlage unserer Forschung, der langfristigen Feldforschung, was oft Förderer und politische Entscheidungsträger außerhalb unseres Fachs nicht richtig verstehen. Ich bin überzeugt, dass die Sozialanthropologie ihre gesellschaftliche Relevanz zeigen muss – gleichzeitig dürfen wir uns jedoch nicht von der Vorstellung einschränken lassen, dass alles, was wir tun, einen unmittelbaren sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Zweck haben muss. Es braucht Räume für Forschung um der Forschung willen – einfach, weil das Wissen über menschliche Vielfalt auf der Welt an sich einen Wert darstellt.

Philipp Baum

Dabei wünschen wir ihnen viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!