In seinem Vortrag mit dem Titel „From Memory Wars to Memory Work: Relational Remembrance in Pınar Öğrencis Aşît (The Avalanche)“ befasste sich Michael Rothberg mit aktuellen Debatten zur deutschen Erinnerungskultur und ging dabei auf den Historikerstreit 2.0 ein, der durch mehrere öffentliche Kontroversen in der deutschen Medienlandschaft ausgelöst wurde. Er diskutierte den Fall des kamerunischen Historikers Achille Mbembe aus dem Jahr 2020, der wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit, in der er Aspekte der südafrikanischen Apartheid mit der israelischen Besatzung und dem Holocaust in Verbindung brachte, des Antisemitismus beschuldigt wurde. Rothberg ging auch auf die Angriffe nach der deutschen Übersetzung seines eigenen Buches Multidirectional Memory im Jahr 2021 ein (Erstveröffentlichung 2009) sowie auf den Skandal um die documenta 15 im Jahr 2022. Dabei skizzierte er wie deutscher Holocausterinnerung, vergleichende Ansätze in der Genozidforschung und Diskussionen über Israel/Palästina zu erheblichen Spannungen bis hin zu einem „Erinnerungskrieg“ im deutschen öffentlichen Diskurs geführt haben.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand jedoch Pınar Öğrencis Film Aşît (Die Lawine), ein 60-minütiger Essayfilm einer kurdischen Künstlerin in Berlin, welcher auf der documenta 15 gezeigt wurde. Durch sorgfältige Kameraführung und die Montage von Bild-, Ton- und Archivmaterial legt der Film die miteinander verflochtenen Geschichten von Armeniern und Kurden in der Osttürkei frei. Rothberg hob hervor, wie Öğrencis Arbeit dabei „relationale Erinnerung“ praktiziert – indem sie den Völkermord an den Armeniern, kurdische Erfahrungen und andere Geschichten von Gewalt miteinander verbindet und dabei jeweilige Kontexte respektiert.
Rothberg schloss mit einer Kritik an dem, was er als einen „Provinzialismus der deutschen Erinnerungskultur“ bezeichnete. Er legte nahe, dass Öğrencis kosmopolitischer Ansatz eine Alternative böte, welche verflochtenen Geschichten über Grenzen hinweg anerkennt und enge nationalistische Rahmenbedingungen ablehnt. Der Film zeige, wie Auseinandersetzungen mit miteinander verbundene Vergangenheiten neue Möglichkeiten für Erinnerungsarbeit eröffnen kann.
Die LECTURE kann online angesehen werden und wird in Kürze als Open-Access-Buch beim Universitätsverlag Halle-Wittenberg veröffentlicht.