Welchen Umgang finden Gesellschaften mit den Hinterlassenschaften moderner Lebensführung? Welche Reststoffe entstehen und wie werden sie von wem bewältigt? Welche Effekte entfalten sie wann und wo auf welchen Menschen und Umwelten? Und welche Lösungen werden entwickelt, um die Herausforderungen der Gegenwart in Zukunft zu vermeiden?
In meiner Forschung adressiere ich diese Fragen aus mehreren Richtungen. Deponien bspw. sind im wörtlichen wie übertragenen Sinne vielschichtige Zeitzeugen: Sie spiegeln gesellschaftliche und industrielle Entwicklungen und technischen Fortschritt ebenso wie die langfristige Umgestaltung von Umwelten durch menschliches Handeln. Diesen ‚Orten von Dauer‘ gegenüber stelle ichPraktiken des Synthetisierens und Modifizierens der stofflichen Grundlagen unserer Welt, denn diese bestimmen mit, mit welchen Resten letztlich umgegangen werden muss. Ich bewege mich daher auch in den Foren und Laboren der durch die Chemie(industrie) ausgerufene und die Politik unterstützte Transformation der Chemie, in denen die Bedingungen gegenwärtigen und zukünftigen In-der-Welt-Seins gestaltet, verändert und rekonfiguriert werden.
Von chemo-toxischen Abfällen zur Endlagersuche für hochradioaktiven Müll
Im November 2023 besuchte ich das 3. Forum Endlagersuche in Halle (Saale). Ich wollte verstehen, weshalb die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle ‚öffentlich‘ stattfindet, wohingegen die Verbringung chemo-toxischer Abfälle i.d.R. privatwirtschaftlich organisiert ist. Diesem Interesse folgend verließ ich das Forum in Halle als gewähltes Mitglied des Planungsteams Forum Endlagersuche, einem selbst organisierten zivilgesellschaftlichen Gremium in dem Vertreter:innen der jungen Generation, von Bürger:innen, zivilgesellschaftlicher Organisationen, Kommunen und Wissenschaft zusammenkommen, um die Arbeitsschritte der Bundesgesellschaft für Endlagerung, sowie die Öffentlichkeitsbeteiligung am Verfahren kritisch zu begleiten. Seit nunmehr zwei Jahren bin ich aktives Mitglied dieses Gestaltungsprozesses, in dem im kleinen um große Fragen gerungen wird: In welchem Verhältnis stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Wie bzw. zu welchem Grad kann es gelingen zunehmend lokalisierte Belange einerseits und gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse und Verantwortlichen andererseits zu versöhnen? Wie kann die Suche nach Antworten nach Antworten auf diese Fragen möglichst offen und inklusiv verlaufen? Wann müssen verengende Entscheidungen gefällt werden und wie lassen sich verworfene Möglichkeiten und nicht gewählte Alternativen im prozessualen Gedächtnis verankern?
Zwischen Forschung und Mitgestaltung
Meine forschenden Begegnungen mit den Alltagen von und auf Deponien und der Chemie(industrie) informieren meine Sicht auf die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Abfall. Ebenso brechen sich an meinen Erfahrungen im Raum der Endlagersuche meine Betrachtungsweisen des chemo-industriellen Komplexes und der Abfallwirtschaft. Forschung und Engagement durchdringen einander, ohne ineinander aufzugehen. Es ist (m)ein Version, die Brücke zu schlagen zwischen akademischer Forschung und öffentlicher Mitwirkung.