Für unsere Studierenden war dies eine wunderbare Gelegenheit, ihre Forschungsergebnisse mithilfe multimodaler (d. h. nicht nur textlicher) Methoden zu visualisieren und einem nichtakademischen Publikum zu präsentieren: Die Jahresausstellung der BURG ist weithin bekannt und sowohl unter Hallenser*innen als auch unter Gästen der Stadt populär.
Die meisten präsentierten Stoffe wurden aus Chemiefasern gewebt, und die erläuternden Texte wurden auf der Grundlage von Archiv- und Medienmaterialien sowie Interviews und Beobachtungen vor Ort erarbeitet.
Unter dem Titel Mit dem Gras wächst das Vergessen – eine ethnologische und textile Annäherung beschäftigten sich Paul und Hanna mit der Frage, wie Natur kontaminierte, ehemals industrielle Räume zurückerobert und wie diese Räume wieder bewohnbar werden.
Cornelia, My und Marie beschäftigten sich in ihren Arbeiten mit dem Thema Schmutz. In Anlehnung an die amerikanische Ethnologin Mary Douglas betrachteten sie Schmutz nicht als einen objektiven Zustand, sondern als Produkt sozialer Ordnungssysteme: „Es sind Normen und Vorstellungen von Abweichung, die bestimmen, was als schmutzig empfunden wird und was nicht. Schmutz offenbart gesellschaftliche Konzepte, mit deren Hilfe Menschen ihre Umwelten strukturieren.“
Das Verständnis von Schmutz als Produkt gesellschaftlicher Ordnungssysteme mag zunächst abstrakt erscheinen, doch wurde diese Abstraktion im Zusammenspiel von textiler Gestaltung und ethnografischer Kontextualisierung materialisiert und neu ausgelegt – nämlich als Einladung zum Perspektivwechsel unter der Frage: „Was offenbart sich, wenn Schmutz nicht nur vermieden, sondern akzeptiert und gestaltet wird?“
Die hier abgebildeten Textilien beziehen sich auf dokumentarische Fotografien, technologische Kartierungen und andere Visualisierungen von Industriebauten und Rohrsystemen.
Rita und Matteo beschäftigten sich mit dem Zusammenspiel von Materiellem und Sichtbarem (etwa Industrie, Chemiefasern, Alltagsleben) sowie dem Unsichtbaren (etwa Toxizität, Erinnerungen, körperliche Empfindungen). Dafür hielten sie sich in Wolfen auf, sprachen mit Bewohner*innen der Stadt und setzten sich mit der Orts- und Industriegeschichte auseinander.
„In Wolfen greifen persönliche Erzählungen, materielle Relikte und kollektive Geschichte ineinander und formen ein vielschichtiges Gewebe, das wir durch textile und anthropologische Perspektiven erfahrbar gemacht haben.“
Mira und Michelle beschäftigten sich mit der Kontamination des Bodens und suchten nach Wegen für Veränderungen durch Begegnung. Es entstand ein textlich-textiles Gewebe aus Textilien, Fotografien, analytischen Überlegungen und Gedichten.
Luise, Darlene, Franziska und Hannah beschäftigten sich mit der Frage, wie das Wissen über die ökologischen Folgen der Chemiefaserproduktion kommuniziert und an zukünftige Generationen weitergegeben werden kann. Sie ließen sich durch Monika Marons Roman Flugasche inspirieren, in dem eine Journalistin beim Besuch einer Fabrik im ostdeutschen Ort B. hört, wie ein Fabrikarbeiter seinem Kind ein Märchen erzählt. Dabei verwandelt er die Fabrik in einen Drachen, während ein anderer Arbeiter behauptet, dass ein neues Fabrikgebäude blau angestrichen wurde, weil der Himmel durch die industrielle Produktion nur noch grau sei.
Aus dieser Inspiration entstand die Arbeitsgruppe das Märchen Das blaue Drachenreich, das in der Ausstellung vorgelesen wurde.