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Lokale Pflanzen als globale Akteure?

Was wir über Ernährungssicherheit am Beispiel von pflanzlichen Akteuren in Vanuatu erfahren können.

Rosa Dümlein
20.01.2026
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(Abb. 1) Aelan Kabis vor einem Haus in Luganville. ©Rosa Dümlein
Warum sollten wir überhaupt unseren Blick auf Pflanzen als Akteure lenken und was zeigt uns das Beispiel Vanuatus über das Verständnis von Mensch-Umweltbeziehungen andernorts?

Der Klimawandel bringt mit seiner globalen Ausweitung lokale Herausforderungen, wie beispielsweise Fragen der Ernährungssicherheit, mit sich. Als Gegenmaßnahme wird unter anderem seitens der Anthropologie eine Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit den uns umgebenden Arten gefordert. In ihr steckt sowohl die Erkenntnis für unsere bereits bestehenden Verbindungen zu umgebenden Tier-, Pflanzen- und Umwelten, als auch die Hoffnung, dass durch die Anerkennung der mehr als menschlichen Einflüsse auf unser Leben neue Lösungsansätze für globale Herausforderungen gefunden werden könnten (vgl. 1 , 2 , 3 , 4 ).

Im südpazifischen Inselstaat Vanuatu werden die wechselseitigen Beziehungen der Inselbewohner:innen zu ihren Nahrungspflanzen beim Anbau von Nahrungspflanzen gelebt. Der Gartenbau prägt das tägliche Leben von ni-Vanuatu 5 und ist dabei von zentraler Bedeutung für ihre Ernährungssicherheit (vgl. 6 , 7 , 8 ).

Der vorwiegend in ländlichen Gebieten stattfindende Gartenbau in Form von Brandrodungsfeldbau wird durch den Klimawandel vor allem in Form saisonaler Verschiebungen beeinflusst. Insbesondere stärker und häufiger werdende Wetterextreme wie Wirbelstürme, Überschwemmungen und lange Trockenperioden können Setzlinge in der Pflanzsaison beschädigen. Gleichzeitig bringt eine zunehmende Land-Stadt-Migration innerhalb des Staates Herausforderungen wie beispielsweise einen erschwerten Zugang zu Landflächen für den Anbau mit sich. In Vanuatu werden die urbanen Zentren somit zu Orten der Aushandlung nationaler Ernährungssicherung (vgl. 9 , 10 ).


Während meines sechsmonatigen Forschungsaufenthaltes in Vanuatu begegnete ich immer wieder einer bestimmten Pflanze: Aelan Kabis 11 (island cabbage). In den Gärten der einzelnen Inseln nimmt sie gerne die Funktion als Schattenspender, aber auch Begrenzung ein. Sie ist eine Nahrungspflanze, die wenig Pflege bedarf, sich durch Stecklinge vermehren lässt und optimal an Klima und Böden angepasst ist. Verschiedene Sorten des Blattgemüses werden auf lokalen Märkten verkauft, getauscht oder auch verschenkt. So kann man sie fast überall entdecken, an Straßenrändern, vor öffentlichen Gebäuden und sogar neben Toiletten. Selbst wenn sie sich hauptsächlich von importiertem Reis ernähren, legen sich städtische ni-Vanuatu mindestens noch ein paar Blätter der nährstoffreichen Pflanze auf den Teller. Simboro, also in Aelan Kabis gerollter Maniok, gilt heute als eines der Nationalgerichte Vanuatus.

  1. Tsing, Anna Lowenhaupt. Der Pilz am Ende der Welt: Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz, 2018.
  2. Haraway, Donna J. Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2018.
  3. Calkins, Sandra. "Writing Planetary Futures." Zeitschrift für Ethnologie (ZfE)/Journal of Social and Cultural Anthropology (JSCA) H. 1 (2020): 93-110.
  4. Heise, Ursula K. Nach der Natur: das Artensterben und die moderne Kultur. Berlin: Suhrkamp, 2010.
  5. Ni-Vanuatu ist die Eigenbezeichnung der Einwohner:innen Vanuatus.
  6. Bolton, Lissant M., and Jean Mitchell. “The Art of Gardens: An Introduction.” Anthropological Forum 31 (2021): 339-351.
  7. Hetzel, Desirée. Moving Lives–Cultivating with Climate Change in Vanuatu. transcript Verlag, 2025.
  8. Pascht, Arno. "Klaemet Jenj Worlds: Approaching Climate Change and Knowledge Creation in Vanuatu." Journal de La Société Des Océanistes, no. 149 (December 15, 2019): 235–44. https://doi.org/10.4000/jso.11257.
  9. Alston, Margaret, Sascha Fuller, and Nikita Kwarney. "Women and Climate Change in Vanuatu, Pacific Islands Region." Gender, Place & Culture, July 5, 2023, 1-22. https://doi.org/10.1080/0966369X.2023.2229530.
  10. Campbell, John R. "Climate Change and Urbanization in Pacific Island Countries." Policy Brief 49 (2019).
  11. Diese Bezeichnung stammt aus Vanuatus Lingua Franca Bislama. Der botanische Fachbegriff für die Pflanze ist Abelmoschus Manihot und sie gehört zu den Malvengewächsen, von denen die Spinat ähnlichen Blätter verzehrt werden.
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(Abb. 2) Aelan Kabis vor einem Haus in Luganville. ©Rosa Dümlein

Die Migration von den Inseln in die beiden Städte Luganville und Port Vila wird von verschiedenen lokalen Bräuchen, Traditionen und Gepflogenheiten begleitet, aber auch von urbanen Lebensstilen, einem Mangel an Anbauflächen sowie der Verfügbarkeit importierter Lebensmittel. Ernährung, Wohnart, Sprache und der Anbau von Nahrungspflanzen beeinflussen urbane Gegebenheiten und wirken auf sie ein. Aelan Kabis ist ein ständiger Begleiter im ländlichen wie städtischen Alltag - eher selbstverständlich als kommentiert.

 

Mit der im Vanuatu Agricultural Research and Technical Centre (VARTC), arbeitenden Forscherin Floriane Kaoh unterhielt ich mich über die Allgegenwärtigkeit dieser Pflanze. Sie vermittelte mir ihre Begeisterung über die Vielfältigkeit des Aelan Kabis und die Variationen ihrer Verwendung. Neben ihrem hohen Nährstoffgehalt und ihrer Vorteile für die Gesundheit dient sie in Gerichten auch der geschmacklichen Variabilität. Sie wird bei der Zubereitung von dem Vanuatu eigenen Aelan Kakai 12 (bspw. Laplap Fladen) ebenso verwendet, wie auch als Zugabe in alltäglichen Reisgerichten. Aelan Kabis ist vitamin-, protein- und mineralstoffreich. Damit trägt die Pflanze als wertvolle Ergänzung der zur Ernährungssicherheit beitragenden Nahrungspflanzen Vanuatus bei (vgl. 13 ).

  1. Diese Bezeichnung stammt aus Bislama und gilt sowohl für lokale Nahrungspflanzen als auch für zubereitete lokale Gerichte.
  2. Araújo, N. "The Land Is Life: Contesting Food Security and Development Initiatives Through Gendered Narratives of Wellbeing in Urban and Peri-urban Vanuatu." In Narratives of Wellbeing, edited by T. Phillips, N. Araújo, T.W. Jones, and J. Taylor. Palgrave Macmillan, Cham, 2024. https://doi.org/10.1007/978-3-031-59519-6_11.
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(Abb. 3) Laplap, Port Vila, 2025 ©Rosa Dümlein

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Pflanze, die das von Anbau geprägte Inselleben begleitet, auch in den urbanen Zentren des Inselstaates Fuß gefasst hat, wo Land rar ist und gesunde Ernährung ein kontinuierliches Thema darstellt. Kurz gesagt wird Aelan Kabis so zur ständigen Begleiterin der Menschen vor Ort im Prozess der Aushandlung von Bewohnbarkeit und Lebensqualität der urbanen Zentren.

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(Abb. 4) Reis mit Fisch und Aelan Kabis, Luganville, 2025 ©Rosa Dümlein

Auch bei uns wird immer wieder über die Notwendigkeit von Pflanzen im städtischen Raum diskutiert. Der Wunsch nach grüneren Städten hat sich weltweit zu einer kontinuierlichen Bewegung entwickelt. Die Herausforderungen, die uns der Klimawandel und die Urbanisierung stellen, sind vielfältig. Um ihnen zu begegnen, benötigen wir Pflanzen als unsere Begleiter: Am Straßenrand sorgen sie für mehr Artenvielfalt, in Wohngegenden reduzieren sie die stauende Hitze und in Kleingärten machen sie uns unabhängiger von steigenden Nahrungsmittelkosten. Die Lebensqualität urbaner Zentren ist untrennbar mit dem Leben der Pflanzen verwoben (vgl. 14 , 15 ).

 

Welche artenübergreifenden Ansätze können wir also aus dieser Betrachtung ableiten?

 

Wenn wir uns mit Fragen der Ernährungssicherheit in Vanuatu auseinandersetzen, wird am Beispiel des Aelan Kabis deutlich, dass wir mit unserem Anliegen nicht allein sind. Die nahezu automatisch stattfindende Zusammenarbeit mit dieser Nahrungspflanze bietet Lösungen für die lokalen Herausforderungen. Aelan Kabis passt sich dem urbanen Alltag der Inselbewohner:innen an, versorgt sie mit essenziellen Nährstoffen und leistet somit einen Beitrag zur Ernährungssicherheit. In Bezug auf lokale und globale Herausforderungen können Pflanzen als Kollaborationspartner fungieren, um gemeinsam Lebensräume zu gestalten, die sowohl die Pflanzen als auch die Menschen und ihre jeweiligen Bedürfnisse berücksichtigen. Dabei müssen wir genauer hinsehen und anerkennen, wie viel Macht die uns umgebenden Pflanzen haben. Wir müssen gemeinsam mit ihnen nach grünen Wegen in der Stadt suchen. 

  1. Edwards, Ferne, Lucia Alexandra Popartan, and Ida Nilstad Pettersen, eds. Urban Natures: Living the more-than-human city. Vol. 1. Berghahn Books, 2023.
  2. Stoetzer, Bettina. Ruderal city: Ecologies of migration, race, and urban nature in Berlin. Duke University Press, 2022.