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Post aus Antakya, Türkei

Eindrücke aus der Forschung

Simon Schneider
23.01.2026
Image placeholder Post aus Antakya, Türkei
(Abb. 1) Impressionen aus dem Feld ©Simon Schneider
Seit Juli 2025 forscht Simon Schneider zum Wiederaufbau in der Türkei.

Liebe Kolleginnen,

ich schreibe euch aus dem Süden der Türkei, wo ich seit fünf Monaten ethnografische Feldforschung in und um Antakya betreibe – einer Stadt, die durch ein Erdbeben vor drei Jahren in weiten Teilen zerstört wurde. Ich untersuche, wie Menschen mit den Bedingungen des langwierigen Wiederaufbaus umgehen: zwischen Ruinen und Neubaugebieten, zwischen staatlicher Regulierung und alltäglicher Improvisation.

Im Zentrum meiner Forschung steht die Beobachtung, dass Wiederaufbaumöglichkeiten weniger durch individuelle Wünsche oder ökonomische Ressourcen bestimmt werden als durch rechtlich-administrative Klassifikationen von Raum. Der Wiederaufbau wird über Zonen organisiert – „Risikozonen“, „Reservierungszonen“, „Transformationszonen“ – deren Konsequenzen für Betroffene äußerst konkret sind.

Diese Instrumente ermöglichen es dem Staat, weitreichend in Eigentumsverhältnisse einzugreifen. Land und Häuser werden in großem Umfang enteignet, um die Stadt und ihr Umland durch das Ministerium für Urbanisierung und die staatliche Wohnungsbaubehörde neu zu ordnen und ‚entwickeln‘ zu lassen.

Zwei Beispiele:

Wessen Haus in einem Dorf vom Erdbeben zerstört wurde, erhält die Möglichkeit, per Losverfahren eine staatlich errichtete Wohnung zu erwerben. Diese liegt dann in einer möglicherweise weit entfernten Transformationszone auf vormals unbebautem Land, das häufig durch die vorherige Enteignung familienbewirtschafteter Olivenhaine verfügbar gemacht wurde.

Bewohner*innen des Stadtzentrums, deren Viertel zur Reservierungszone erklärt wurden, können ihre Gebäude nicht nach eigenem Ermessen wieder aufbauen – alle Bautätigkeit erfolgt unter Federführung des Staates. Selbst Eigentümer*innen leicht beschädigter Gebäude in Reservierungszonen müssen damit rechnen, dass diese abgerissen werden, um Platz für neue Wohnkomplexe zu schaffen, in denen sie dann am selben Ort eine neue Wohnung erwerben können.

Auf diese Weise entsteht eine rechtliche Geografie, die festlegt, welche Zukunft für wen überhaupt plausibel wird. Diese Ordnung wirkt für viele zugleich hochgradig verbindlich und gleichzeitig schwer kalkulierbar: Zonen können verschoben oder ausgeweitet werden, Entscheidungen werden zentral getroffen, Informationen zirkulieren häufig nur informell.

Für viele Betroffene bedeutet das, über lange Zeiträume hinweg in Ungewissheit zu leben. Menschen wissen häufig nicht, ob und wann sie tatsächlich eine neue Wohnung erhalten werden, wo diese liegen wird oder wie viel sie kosten wird. Ebenso unklar bleibt oft, wie lange bestehende Übergangslösungen Bestand haben: ob Containerstädte geräumt werden oder ob provisorisch errichtete Unterkünfte geduldet bleiben.

Zugleich zeigt die Feldforschung deutlich, dass Bewohnerinnen keineswegs bloß passive Adressat*innen staatlicher Planung sind. Menschen vermieten zugewiesene Wohnungen trotz formaler Verbote, bauen ohne Genehmigung auf dafür eigentlich nicht vorgesehenen Flächen, oder bleiben bewusst in vermeintlich provisorischen Wohnverhältnissen für die andere Regeln gelten. Der Wiederaufbau vollzieht sich somit in einem Spannungsfeld aus Regulierung, Aushandlung und diskreter Praxis.

Selbst dort, wo formale Zusagen existieren, bleiben zentrale Aspekte offen: Zeitpläne verschieben sich, Kriterien ändern sich, Verfahren werden angepasst. Für viele entsteht so eine Situation, in der zentrale Lebensentscheidungen – bleiben oder gehen, investieren oder abwarten, bauen oder verzichten – unter Bedingungen getroffen werden müssen, die sich jederzeit wieder verändern können.

Mich interessiert, wie Menschen mit dieser Gleichzeitigkeit von Festlegung und Ungewissheit umgehen: wie sie rechtliche Kategorien interpretieren, Entscheidungen unter prekären Bedingungen treffen und Vorstellungen eines guten Lebens artikulieren.

Antakya ist ein spezifischer Kontext. Die grundsätzliche Frage, die sich hier stellt, reicht jedoch darüber hinaus: Wie formen rechtliche und planerische Instrumente für Ausnahmesituationen die Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben führen können?

Herzliche Grüße

Simon

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(Abb. 2) Impressionen aus dem Feld ©Simon Schneider