Als Teil meiner Feldforschung in und um Pödelwitz unterstütze ich Nora Mittelstädt bei der Ausübung ihres Stadtratsmandats in Groitzsch. 2024 haben wir die AG Stadtrat gegründet, die seit 2025 monatliche Fraktionssitzungen organisiert, bei denen wir mit den Bewohner*innen der Gemeinde über kommunale Klimaanpassung und eine gerechte Energiewende in Groitzsch diskutieren. Mit diesen Sitzungen versuchen wir, einen Mittelweg zwischen formeller Beteiligung und wissenschaftlichen Zukunftswerkstätten zu gehen: Unser Format ist an konkreten Anliegen aus der Gemeinde orientiert, versucht aber zugleich eine thematische Offenheit zu ermöglichen. Beispielsweise fragen wir: Wie soll das Geld aus der Ertragsbeteiligung an erneuerbaren Energien gerecht verteilt werden? In der Organizing-Community nennt man solche Anliegen organisierende Fragen, da sie Menschen dazu bewegen, sich zusammenzuschließen und aktiv zu werden (Endres 2025).
Es sind aber auch ethnologische Fragen nach gelebter Gerechtigkeit und den alltäglichen, sozialen Seiten infrastruktureller Veränderungen. Ethnograph*innen folgen im Spätindustrialismus diesen Beziehungen jedoch nicht mehr nur, sondern führen aktiv neue Verbindungen herbei. Nicht nur, weil dies in einer auseinanderfallenden Welt ein moralischer Imperativ ist, sondern auch, weil ein solches Organisieren neue Erkenntnisse ermöglicht. Während andere partizipative Forschungsformate in der Energiewende über Transformationsmüdigkeit klagen und Schwierigkeiten haben, Teilnehmer*innen zu finden, ist unsere Gruppe seit dem ersten Treffen im Februar 2025 von drei auf über dreißig Personen im Juni 2026 angewachsen. Es herrscht also nicht per se Transformationsmüdigkeit, sondern vielmehr ein Mangel an Gerechtigkeit und vor allem an Demokratie in der Energiewende. Während die finanzielle Beteiligung Einwände gegen Windkraftanlagen mindern kann, geht es vor allem auch um eine materielle Anerkennung der besonders starken Betroffenheit mancher Ortsteile sowie um den Wunsch, die Gelder selbstbestimmt einzusetzen und sie nicht von repräsentativen Institutionen verwalten zu lassen.
Die Synergien zwischen spätindustrieller Ethnographie und Community Organizing zeigen einen Weg auf, wie Forschung öffentlich an Transformationen mitwirken kann. Dies ist sowohl wissenschaftlich erkenntnisfördernd als auch politisch effektiv, wie eine gemeinsame Stellungnahme zum neuen Flächennutzungsplan für Windenergie oder ein Entwurf für eine gerechte Beteiligung aller Ortschaften im Stadtrat zeigen. Aus einer ethnographischen Community-Organizing-Perspektive geht es jedoch vor allem darum, den Aufbau sozialer Beziehungen selbst als Ergebnis zu betrachten.
Endres, Tashy. “Was macht Community Organizing transformativ? Ein Dialog aus organisierenden Fragen und Bewegungserfahrungen” in: Stiftung Mitarbeit & FOCO e.V. (Hrsg.): Handbuch Community Organizing. Geschichte, Theorie und Praxis. Bonn 2025.
Fortun, Kim. "Ethnography in late industrialism." Cultural Anthropology 27, no. 3 (2012): 446–464.